| |
Begegnungen
der seltenen Art 3
Rudi und
Helga
Rudi müsste jetzt so Mitte 80 sein. Rudi war ein Freund meiner Eltern
und hieß eigentlich Reuven. Er überlebte als einziger seiner
Familie den Holocaust, alle, alle hatten die Nazis vergast.
Nach dem Kriege wurde Rudi Offizier beim Britain's Secret
Intelligence Service (SIS) und arbeitete in Palästina. Als der
Staat Israel gegründet wurde, war er einer der Ersten die eine
leitende Stellung einnahmen (ich habe vergessen welche) und später
half er die El-Al Israel Airlines in verantwortlicher Position
aufzubauen. Etwa zu der Zeit heiratete er Helga, sie,
eine deutsche Jüdin, hatte ebenfalls zwar nicht alle, aber doch viele
ihrer Verwandten in den Konzentrationslagern verloren. Rudi und Helga
bekamen zwei Kinder. Sie wohnten in Israel. Der hoffnungsvolle
Sohn wurde Pilot bei der israelischen Armee und im Sechstagekrieg
mit seiner Maschine von Ägypten abgeschossen. Rudi und Helga
verließen darauf Israel und kamen nach Deutschland zurück. Kaum hier
angekommen erkrankte Helga das erste Mal schwer an Krebs. Mein Vater
operierte sie,so lernten wir die Familie kennen, es wurde eine
jahrzehntelange Freundschaft der Familien.
Rudi rauchte gerne dicke Zigarren und Helga sammelte Hähne in allen
Varianten, Größen, Formen und Farben. Eine ganze Vitrine hatte sie
voll davon. Waren sie bei uns eingeladen war Rudi der Einzige, der in
unserem Nichtraucherhaus rauchen durfte. Meine Mutter lüftete dann
immer hinterher stundenlang, was im Winter das halbe Haus auskühlte.
Wir sprachen viel über Politik und Geschichte und es war
entspannend mit ihnen zu diskutieren, auch heikelste Fragen wurden
nicht ausgeklammert, sondern ruhig und sachkundig beantwortet. War man
anderer Meinung sagte Helga stets: „Rudi, schlag ihn, leg die
Zigarre weg und schlag ihn…, wir müssen uns wehren…“ Umgekehrt
lief das Spiel genauso. Helga erinnerte sich gern der deutschen
Weihnachten in ihrem Elternhaus und wie sie einen großen
Weihnachtsbaum hatten. Sie trug als Kind gern weite, glockige Kleider
und erst der Judenstern machte ihr bewusst, dass sie als
Deutsche keine Deutsche war oder in dieser Zeit sein sollte.
Zig Mal wurde Helga operiert, aber der Krebs war nicht zu stoppen. Ich
besuchte sie wenige Tage vor ihrem Tod mit meiner Mutter. Rudi und
Helga hatten eine fantastische Ehe und man spürte stets ihre Liebe
und gegenseitige Ergebenheit. Nun trauerte Rudi ein Jahr, inzwischen
Anfang Siebzig, und das Saubermachen der Wohnung fiel im schwer. Eine
tschechische Putzfrau half ihm zweimal die Woche über die Runden.
Beide kamen sich näher, ich bin sicher Helga wird’s von oben mit
Wohlwollen gesehen haben.
Was beide auszeichnete war ihr Humor. Manchmal fragte und frage
ich mich, ob er es war der ihnen half zu überleben, ihr schweres
Schicksal zu ertragen. Lachen konnten sie herzhaft und wenn
Rudi Witze erzählte konnte man eine Stecknadel fallen hören.
Manche waren so scharf, so „rechts“, dass sie auch hätten aus der
Vernichterecke kommen können. Es war seine Art, so vermute ich, das
Grauen zu bewältigen. Ich habe kein Gedächnis für Witze und deshalb
erzähle ich nie welche. Aber ein Witz ist mir nicht entfallen:
Im KZ.
Sagt der Scherge zu drei Juden: „Herkommen, zack, zack.“
Die Juden kommen zitternd und um ihr Leben fürchtend.
Sagt der Scherge zum Ersten:
„Schau mir in die Augen. Ich habe ein Glasauge. Wenn Du siehst welches
es ist bleibst Du am Leben, andernfalls wirst Du erschossen.“
Der Jude sagt „links“, es ist falsch, er wird erschossen.
Dem zweiten Juden geht es genauso.
Der dritte Jude sagt: „Rechts“.
Der Scherge sagt: „Richtig, wie bist Du darauf gekommen?“
Der Jude schaut ihm ruhig in die Augen und sagt: „Es kann nur das
rechte Auge sein. Es schimmert so menschlich!“
Ich habe lange nichts von Rudi gehört. Ich werde ihn am Wochenende
anrufen.
Hoffentlich lebt er noch. |
|