| |
Begegnungen der
seltenen Art 4
Der
durchgeknallte Onkel
Es gibt ne Menge Irre in der Welt.
Verwandte sind, nicht immer, aber oft, die Irrsten. Es ist zwar 9
Jahre her, aber dennoch hat die Zeit den Irrsinn nicht vergessen
lassen. Noch heute bekomme ich Schreikrämpfe wenn ich daran
zurückdenke. Und weil ich gerade auf der Achse die Geschichte
„Engel mit Flossen“ von Michael Miersch gelesen habe und über
die „Denkmuster der postmodernen Kuschelgesellschaft“, habe ich
Erinnerungsassoziationen an meinen Onkel. Es geht zwar nicht um
einen Buckelwal, aber um unsere Hypersensibilität in Punkto
deutsche Vergangenheit.
Der Reihe nach: 1998 legen wir uns einen zweiten Wohnsitz in
Kanada zu. Genauer in der Provinz Nova Scotia. Zu der Zeit gibt
es in dieser ländlichen Gegend genau eine Telefongesellschaft MT&T.
Eine Tochter der Telefongesellschaft Bell. Jede kanadische
Provinz hat ein Kürzel. Für Nova Scotia, zu deutsch
Neuschottland, gibt es das Kürzel „NS“.
Preisfrage:
"Wer
kann sich denken wie’s weiter geht?“
Nicht? O.K. Hier
die Fortsetzung:
Ich lege mir also als erstes neben der Telefonnummer eine neue
Email zu. Damals gab es nur Dial-up, also waren wir auch
beim Internet Kunden nämlicher Telefongesellschaft. Sagen wir mal die
Email hieß renitent@ns.ca.
(das „ns“ ist auch heute noch eine viel verwendete Kennung bei
allen offiziellen Stellen in ihren Emails.)
Nun nehme ich unter dieser neuen Email alle für einige Wochen
eingefrorenen Kontakte wieder auf. Auch meinem Onkel habe ich etliche
wichtige Emails zu schreiben, denn es gibt mit Deutschland noch
rechtlich viel zu regeln. Der gute Onkel ist RA, das ist auch
ein Kürzel und steht für Rechtsanwalt, und er ist nicht nur
mein Onkel, er ist auch mein Anwalt. Jedenfalls zu diesem Zeitpunkt.
Die ersten 20 Mails passieren unbeanstandet.
Dann ist er außer Haus und beauftragt seinen neuen Sozius,
einen RA der Nachfolgegeneration dem er eines Tages die Praxis
zu übergeben gedenkt, auch seine Emails zu checken. Der macht das auch
und fragt meinen Onkel, ob sein Neffe, also ich, ein Nazi
sei. Das sei ihm bisher nicht bekannt, meint
Onkel und wie er darauf komme?
"Weil ihr
Neffe sich eine Email mit NS zugelegt hat, das spricht ja wohl für
seine Gesinnung."
Peng! Alles klar?
Nicht: Neffe=NS=Nova Scotia…..
Nein: Neffe=NS=Nazi…..
Der Onkel, in der panischen Angst befangen, man könnte auch ihn mit
einer solchen Gesinnung in Verbindung bringen, steigt voll
drauf ein. Er wägt nicht ab, stellt keine Unschuldsvermutung an, fragt
auch nicht nach, und das nach einem vierzigjährig Berufsleben als
Anwalt, er rast zum PC, schreibt mir eine Email:
„Lieber Robin, ich bin empört,
dass Du Dich jetzt, wo Du nicht mehr in Deutschland bist,
als Nazi outest. Ich möchte damit nichts zu tun haben. Ich habe
deshalb Deine Emails gesperrt! Gruß K.“
Es kostet mich Tage, per Telefon und Fax, ihn davon zu überzeugen,
dass „NS“ für Nova Scotia steht und nicht für
Nationalsozialismus und das ich keine andere Wahl habe, bei dem
was nach dem @Zeichen kommt. Es ist (war damals)
vorgegeben. Schließlich öffnet er seine Sperre nach 2 Wochen und
empfängt meine Emails wieder. Ich wickle den laufenden Fall noch mit
ihm ab und suche mir einen anderen Anwalt. Einen anderen Onkel
kann ich mir nicht suchen, aber den Kontakt einschlafen lassen
konnte ich wohl.
Noch heute überkommt mich das Unverständnis über den Mangel an
Allgemeinbildung, die Unkenntnis über einen Neffen,
den er seit Kindesbeinen kennt, die hektische und unüberlegte
Überreaktion, die Verkrampftheit im Umgang mit unserer deutschen
Vergangenheit, die Interpretation zweier Buchstaben
durch 2 Anwälte!!! Aber Onkel war schon immer ein Gutmensch.
Nach dem Kriege begeisterte er sich für die Idee alle Deutschen in
Patagonien anzusiedeln und mit über 60 Jahren trat er bei
Bündnis90/Die Grünen ein. Es hat schon was paranoides.
Auch der Bundesstaat in den USA mit unserem ersten
Wohnsitz läßt eine unerhörte Interpretation zu. Ich verkneif mir das
jetzt aber mal.
Eine Entschuldigung habe ich übrigens
nie gehört. |
|