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Robin Renitent,    22. März  2006

   

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Noch sind Polinnen nicht verloren

Der Spiegel hat ja so seine Momente. Meistens ist er ja ein opportunistisches Mainstreamblatt, aber ab und zu ist er doch lesenswert. Das muss nicht nur Malzahn oder Broder sein. Diesmal ist es Jochen Bölsche. Er schreibt unter dem Titel: "Polinnen als letzte Hoffnung" über die Probleme junger Männer, besonders in den neuen Bundesländern eine Frau zu finden:

"Auf der Suche nach einem guten Job oder einer guten Partie fliehen junge Frauen massenhaft vom Land in die Städte. Zurück bleiben Männer, die sich in Fernsehsucht, Suff und Fremdenhass flüchten. Politiker erwägen bereits, Ausländerinnen für die Frustrierten anzuwerben - ein fragwürdiges Konzept."

 

Was daran fragwürdig sein soll erschließt sich mir, auch nach dem Lesen des dreiteiligen Artikels, nicht. Da ich etwa 50 Mal in meinem Leben in Polen war, viele Polen kenne und dort sehr gute Freunde habe, las ich den Artikel natürlich mit besonderer Aufmerksamkeit. 


Zunächst mal 3 eigene Erlebnisse:

Fall 1
Ala ist 24. Sie ist ausgebildete Röntgenassistentin und arbeitet in einem Krankenhaus in Poznan. Ihre Eltern sind geschieden, der Vater hat sich schon vor langer Zeit davongemacht. In der kleinen 2 ½ -Zimmerwohnung lebt sie mit ihrer Mutter und dem 3 Jahre älteren Bruder. Sie ist hübsch, hat Humor, aber wenig eigenen Antrieb. Immerhin rafft sie sich auf ein Inserat aufzugeben in einer polnischen Zeitung, Abteilung „Heiraten“. Außerdem antwortet sie auf Heiratsinserate. Da sie keine Fremdsprachen beherrscht sendet sie den betreffenden Herren einen handgeschriebenen Brief in polnischer Sprache und fügt ein Bild bei. Sie macht verschiedene Bekanntschaften mit Westdeutschen. Für einen entscheidet sie sich. Sie zieht zu ihm, es wird geheiratet. Nach einigen Monaten ist die Ehe gescheitert. Die Vorstellungen des Mannes und ihre Erwartungen sind nicht zu kombinieren.

Sie zieht aus, zieht zu einer Freundin, beide inserieren in der BZ: „Frische, junge Polinnen erfüllen dir alle Wünsche“. Als Röntgenassistentin ist sie gewohnt fremde Menschen zu berühren, der temporäre Job macht ihr keine Probleme. Eines Morgens holt sie bei Butter Beck Brötchen, kommt mit einem jungen Mann ins Gespräch. Er wurde am Vortag aus der Haftanstalt entlassen. Er saß ein, weil er als Fahrer einer Brotfabrik immer aus den Paletten ein Brot stahl und auf eigene Rechnung verkaufte. Da er schon einmal Kabel geklaut hatte, war es diesmal nicht bei einer Bewährungsstrafe geblieben.

Man kommt sich näher, zunächst wird der junge Mann als Kunde „bedient“ dann braucht er nicht mehr zahlen. Schließlich heiraten die Beiden. Sie nehmen in Steglitz eine Neubauwohnung und eröffnen in Moabit ein Sexkino mit Bedienung. Unser Pärchen bekommt zwei Kinder, Mädchen. Das Sexkino behalten sie 5 Jahre. Dann merkt Ala, daß sie älter wird. Sie lernt im Sexkino an der Kasse ihre deutsche Röntgenprüfung und schließt auch erfolgreich ab. Irgendwann läuft der Pachtvertrag für das Kino ab. Er arbeitet wieder als Elektriker, sie als Röntgenassistentin. Die Kinder wachsen heran.

Ein deutsches Pärchen. Auf meine Frage, wie sie über die Polen denkt antwortete sie bereits nach 2 Jahren in Berlin:
„Schrecklich, es kommen so viele Polen, ich fühl mich gar nicht wohl damit. Was wollen die hier alle?“

Ala hatte völlig verdrängt, daß sie selbst erst 2 Jahre zuvor gekommen war. Ein gelungenes Beispiel von Totalintegration. (Hallo liebe Muslime, hallo liebe Grüne, hallo liebe Claudia Roth…) 

 

Fall 2
Maria ist 47. Sie war Anwältin in Wroclaw, ihr Mann Elektroingenieur. Sie haben Jungen die inzwischen Erwachsene sind und eigene Familien haben. Maria lässt sich scheiden, da sie das Trinken des arbeitslos gewordenen Mannes nicht mehr erträgt. Sie will noch mal einen neuen Start.Sie lernt einen West-Berliner kennen und zieht zu ihm. Maria ist vorsichtig und will nicht schnell heiraten. Polen ist nicht weit weg. Wenn das Touristenvisum abgelaufen ist, fährt sie zurück. Er kommt ebenfalls oft und besucht sie dann. Als Anwältin kann sie in Deutschland nicht arbeiten, aber sie wird Anwaltsgehilfin bei einem Anwalt der sich auf polnische Klienten spezialisiert hat. Sie verdient nicht sehr viel, aber zusammen mit ihrem neuen Mann, man hat nach 2 Jahren geheiratet, hat sie einen erträglichen Standard. Die Ehe funktioniert. Maria ist zufrieden und --- integriert.

 

Fall 3

Camilla ist 24 und träumt davon Sängerin zu werden. Sie spielt ein Instrument und rockt in einer Breslauer Kneipe mit Freunden. Die Gruppe hat einen lokalen Namen. Bei einem Gastspiel in Rostock verknallt sich Camilla in einen Rostocker Musiker. Sie zieht zu ihm. Es wird chaotisch. Aber sie hält an ihrem Ziel fest Sängerin zu werden. Nach 12 Jahren hat sie einen mäßig bekannten Namen, wohnt als Single in Hamburg und singt Abend für Abend in Kneipen. Sie ist keine Berühmtheit, kommt aber über die Runden. Integriert! Zurück würde sie nie gehen – nur zum singen.  

 

Soweit die eigenen Erlebnisse erfolgreicher Integration. Keine der mir bekannten Frauen hatte je Probleme sich in die bundesdeutsche Gesellschaft einzufügen. Heute, einige Jahre später, merkt ihnen niemand mehr ihr Herkunftsland an.  (Ein weiteres Beispiel erfolgreicher Intergration ist natürlich auch Teresa Orlowski: Die kenne ich zwar nicht, aber man kann ja bei Wikipedia nachschauen.)

"Wenn die Entwicklung so weitergeht wie jetzt, dann werden ganze Städte von den Landkarten verschwinden."


Mehr als alles andere aber schreckt die Fachleute ein Trend, der im Osten bereits spektakuläre Ausmaße angenommen hat und auch in den alten Ländern bereits wahrnehmbar ist: die Massenflucht junger Frauen aus dem ländlichen Raum in die prosperierenden Stadtregionen.

Dieser Aderlass trifft die Abwanderungsregionen doppelt hart: Die Frauen sind zumeist besser gebildet als die Männer, zugleich verlieren die Regionen potenzielle Mütter - weiterer Schwund ist damit programmiert."

 

Herr Bölsche hat in seinem Artikel sicherlich recht: Nach Deutschland kommen und dann im Kuhstall arbeiten will auch keine Polin. Auch die neuen Bundesländer sind nicht ihr Ziel. Kann man ihnen das verübeln? Wenn ganze Landstriche nur unmotivierte Landdeppen vorzuweisen haben, denen die Antriebsarmut schon im Gesicht steht, braucht polnische Frau nix kommen. Kann bleiben zu hause.

 

Bölsche: "Warum sollten sie auch. Frauen neigten dazu, sich ihren Partner möglichst in höheren Sozialsphären zu suchen, erklärt die Magdeburger Professorin Christiane Dienel: "Frauen heiraten nach oben, Männer nicht." Besser ausgebildete, besser verdienende Männer aber werden auf dem Lande zunehmend knapp."
 

Ich habe viele junge Polinnen kennen gelernt, gut ausgebildet, motiviert, unternehmungslustig, zielstrebig. Männer? Männer kann man oft, nicht immer, diesseits und jenseits der Grenze vergessen!

 

Und Jürgen Bölsche schreibt:

"Im Osten hat die Abwanderung der Klügeren bereits lange vor der Wende begonnen; schon unter den Republikflüchtigen der SED-Ära waren akademisch Gebildete überrepräsentiert. Und seit dem Fall der Mauer hat sich die Negativspirale noch beschleunigt. " (...)

 

"Die Folgen des seither anhaltenden brain drain sind inzwischen in den Pisa-Statistiken ebenso erkennbar wie in den flächendeckenden Intelligenztests an Wehrpflichtigen: Die dümmsten jungen Deutschen leben demnach in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Verlagsvertreter, die das einstige Leseland bereisen, berichten von weinenden Provinz-Buchhändlerinnen - die einstige Stammkundschaft hat sich auf und davon gemacht.

So hat der IQ-Export weite Regionen im neuen Osten abermals zu dem werden lassen, was er während der Massenflucht durch den Eisernen Vorhang schon einmal gewesen zu sein schien: ein Auswanderungsland, in dem nur "der doofe Rest" noch ausharrt, wie damals die Zurückgebliebenen selbstironisch "DDR" buchstabierten."
 

Wenn man diese Aussage nun ins Verhältnis setzt zu den Menschen die nicht nur die neuen Bundesländer sondern gleich Deutschland bereits verlassen haben oder darüber nachdenken es zu tun, wird man auch in Deutschland demnächst einen Mangel an gut ausgebildeten und motivierten Menschen verspüren. Der Aderlaß ist in bestimmten Bereichen bereits jetzt sichtbar.

 

Links:

Deutschland, einig Warteland

Kinderlosen soll die Rente halbiert werden

"Polinnen als letzte Hoffnung"
Heimatschachteln für Ostdeutsche

Keine Zukunft für die Kuhzunft

Verlassenes Land, verlorenes Land

 

Anregung von Mirjam H.

 

Noch sind Polinnen nicht verloren in Anlehnung an die polnische Nationalhymne

Noch ist Polen nicht verloren - Jeszcze Polska nie zginęła
 
Jeszcze Polska nie zginęła,
Kiedy my żyjemy.
Co nam obca przemoc wzięła,
Szablą odbierzemy.
Marsz, marsz, Dąbrowski,
Z ziemi włoskiej do Polski,
Za twoim przewodem
Złączym się z narodem.
Przejdziem Wisłę, przejdziem Wartę,
Będziem Polakami,
Dał nam przykład Bonaparte,
Jak zwyciężać mamy.
Marsz, marsz, Dąbrowski...
Jak Czarniecki do Poznania
Po szwedzkim zaborze,
Dla ojczyzny ratowania
Wrócim się przez morze.
Marsz, marsz, Dąbrowski...
Już tam ojciec do swej Basi
Mówi zapłakany:
"Słuchaj jeno, pono nasi
Biją w tarabany."
Marsz, marsz, Dąbrowski...
  Noch ist Polen nicht verloren,
Solange wir leben.
Was uns fremde Übermacht nahm,
werden wir uns mit dem Schwert zurückholen.
Marsch, marsch, Dąbrowski,
Vom italienischen Boden bis nach Polen.
Unter deiner Führung
Vereinen wir uns mit der Nation.
Wir werden Weichsel und Warthe durchschreiten,
Wir werden Polen sein,
Bonaparte gab uns vor,
Wie wir zu siegen haben.
Marsch, marsch, Dąbrowski...
Wie Czarniecki bis nach Posen
Nach der schwedischen Besetzung,
Zur Rettung des Vaterlands
Kehren übers Meer zurück.
Marsch, marsch, Dąbrowski...
Schon da spricht Vater zu seiner Barbara
Spricht weinend:
"Hör zu, es heißt, unsere
Die Schlagen die Kesselpauken."

 
   

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