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Die Geburt eines Künstlers
oder wie Luigi Pepperoni das Licht der Welt erblickte
Gelangweilt habe ich mich noch nie. Meistens ist der Tag zu kurz. Meistens? Immer. Wenn ich etwas ändern könnte würde ich den Tag auf 48 Stunden erweitern. Aber auch das wäre wahrscheinlich zu wenig. Aber wenn man geschieden ist, gibt es Momente, wo einem doch die Decke auf den Kopf fällt. 1984 war ich
geschieden. Sie kennen das, vielleicht. Da zieht es manchmal in den Lenden und man hat so ein unbestimmtes Gefühl, vielleicht eine Sehnsucht nach, na sie wissen schon. Nun könnte man sich vor den Fernseher pflanzen oder was anderes machen um sich abzulenken. War aber nie mein Ding. Man ist zur Passivität verurteilt, bzw. verurteilt sich selbst.
Aber die Decke kommt bedrohlich näher, ist kurz davor auf den Kopf zu fallen. Also nahm ich ein Stück Leinwand, etwas blaue Farbe, und weil die eingetrocknet war und ich kein Malmittel hatte, etwas Speiseöl und malte, in Anlehnung an Franz Marc’s „Blaues Pferd“,
meine „Nackte in Blau“. Sie hatte keinen Kopf und die Arme endeten, naja wie bei Contergankörpern und die Beine verschwanden unter dem unteren Bildrand. Aber alles wesentlich war da. Ihre kleinen Brüste, der flache Bauch und das was eben sonst noch wichtig schien. Mäßig gelungen, aber ich wollte es ja auch nicht einschicken, weder an die Neue
Nationalgalerie noch ans Guggenheim Museum. Stattdessen „nagelte“ ich es im Schlafzimmer an die Wand. Da hing es einige Zeit und als ich meine neue Frau kennen lernte verschwand es taktvoller Weise im Keller. Dann zogen wir nach Nordamerika und auch da blieb die nackte Blaue verpackt, eingehüllt in eine Tüte wie ein Leichnam in Erwartung des
Krematoriums.
Nun gibt es in Nordamerika einen Brauch. Will man seinen Krempel loswerden räumt man, bei schönem Wetter alles in den Garten, bei schlechtem Wetter in die Garage und schreibt ein Schild „Yardsale“ also „Hofverkauf“. Obwohl der „Hof“ immer der Frontyard, also der Vorgarten ist. Alles ist enorm billig, man will ja eigentlich die Fahrt zum
Sperrmüll sparen, die Schnäppchenjäger kommen oder halten am Straßenrand und versuchen den Krempelverkäufer von 2 Dollar auf 1 Dollar zu drücken. 2 Dollar wäre schon geschenkt, denn eigentlich hätte man 10 Dollar verlangen müssen, aber was soll’s. Man will es ja loswerden.
So auch wir. Wir schleppen alles in die Garage und auf die Einfahrt was wir aus dem Keller holten. Auch der blaue Leinwandleichnam taucht aus der Tüte wieder auf und wird, im sehr prüden Nordamerika, provokativ, wie es meine Art ist, ganz nach vorne gestellt. Aber es ist ein NONAME-Bild. Ohne Signatur. Also muss ein Name her. Ich nehme einen
Marker, also einen Filzstift und überlege kurz. Dabei beiße ich von einer Pepperoni ab. „Es sollte italienisch klingen“ sage ich zu meiner Frau. Wir spielen alles Mögliche durch, so was wie Piranesi, oder Pizarro in Anlehnung an
Picasso. Aber Piranesi gab’s schon, Pizarro war ein Eroberer. Da kommt der Geistesblitz, ich beiße noch mal von
meiner Pepperoni ab und schreibe schwungvoll Luigi Pepperoni. Ein weiteres Schild verrät den Preis 250.- Dollar.
10 Minuten später kommen die ersten Neugierigen. Die meisten Mütter ignorieren die Nackte, die Männer schauen verstohlen. Dann kommt eine Dame, korpulent, untersetzt, freundlich auf mich zu und fragt mit exaltierter Stimme:
„Ist das wirklich ein Pepperoni? Ich kann’s nicht fassen ein Original-Pepperoni!!!!“ Ich stimme begeistert zu und füge
an: „Habe ich mal in Italien gekauft. Direkt beim Künstler. Ich würde ihn behalten, aber meine Frau ist etwas prüde…“
(ausgerechnet meine Frau, wie tue ich ihr jetzt unrecht…) Die Kundin ist fassungslos: „Wunderbar, ich liebe Pepperoni“
„Aha“ sage ich,“ haben Sie schon oft welche gesehen?“
„Oh, ja, viele, ich bin immer wieder begeistert.“ Ich
wachse etwas, schaue zu meiner Frau rüber und kneife mir ins Ohr. Träume ich? „Ich würde ihn kaufen“ sagt sie,
"aber ich habe nicht soviel Geld mit. Ich wollte ja nur mal schnell auf den Yardsale…“ „Wir nehmen auch nen Scheck“,
sage ich schwach. „Ich werde erst mit meinem Mann reden…“ Ich bin begeistert, ich werde jede Sekunde größer, meine
Frau wirft mir einen achtungsvollen Blick zu.
Die Dame dreht noch einige Runden, kauft einen Kerzenhalter für 2 Dollar, wirft noch einen sehnsüchtigen Blick auf meine Nackte und entschwindet. Ich gehe zu meiner Frau und frage ganz lässig:
„Haste das gehört?“ „Habe ich“, sagt sie, „bleib auf Teppich, sie wird da was verwechselt haben. Vielleicht meinte sie Picasso.
"
Der Vormittag geht dahin, wir verkaufen leidlich, die Nackte steht und friert. Da echot es plötzlich hinter mir: „Ein Pepperoni! Wo haben Sie denn den her?“
Mir fällt fast die Tasse aus der Hand.
„Als ich als Goethe Student durch Italien reiste…“ lüge ich munter drauf los. Und das Spiel wiederholt sich. Die Dame ist diesmal lang und dünn aber
nicht weniger begeistert. Ja sie ist eine glatte Steigerung. Sie hätte Pepperoni’s schon in vielen Museen bewundert. Auch in Italien. Da war sie mal. Vor Jahren.
„Nit möglich,“ sage ich. „Könnten Sie nicht den Preis etwas reduzieren, ich bin gerade umgezogen und etwas knapp bei Kasse“ sagt sie.
Aber da kennt sie mich schlecht. Ich mich drücken lassen. Ich, Luigi Pepperoni, soll mich verschenken? Niemals. „Tut mir leid, es ist schon die Hälfte von dem was ich selbst bezahlt habe“ sage ich. Na einigem Palavern entschwindet auch sie. Ohne meine Nackte.
Dann kommt mein Nachbar, der ist seit 11 Jahren geschieden und hätte das Bild gern. Natürlich ist er knickerig und außerdem repariert er immer mein Auto. Also verkaufe ich ihm das Bild für 60 Dollar. Er zieht beglückt ab.
„Das kannst Du nicht machen“, sagt meine Frau, er ist doch unser Nachbar, „überleg mal, wir sind unten durch, wenn das rauskommt!“
„Wie soll es rauskommen?“ frage ich. Aber sie lässt nicht locker. Also gehe ich rüber und erzähle unserem Nachbarn die ganze Story. Und in einem Anfall künstlerischer Großzügigkeit und kreativer Umnachtung gebe
ich ihm seine 60 Dollar zurück und schenke ihm das Bild.
Das war der Moment der Geburt von Luigi Pepperoni. Er kam vor 4 Jahren zu Welt. Und er wurde mein Pseudonym für meine Kunst. Na, ein großer Maler bin ich nicht, nicht mal Kaffee mahle ich mehr, seitdem wir ihn schon gemahlen kaufen. Aber ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf, na vielleicht sogar semiprofessionell. Immerhin mache ich um die
5000 Bilder pro Jahr und werde immer öfter nach „Permission“ (Genehmigung) für die Verwendung eines Fotos gefragt.
Da sag ich denn immer ja, verlange aber den Zusatz
© Luigi Pepperoni Photography/2006 rebellog.
Schließlich bin ich ja - "Künstler" - und werde sogar auf Yardsales erkannt.
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