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Mit Irren bevölkert
Manchmal, wenn ich von der
Hadsch höre oder von ihr lese, habe ich Assoziationen im Kopf an die Zeit vor 43 Jahren. Da las ich Karl May. Und über Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah seinen Freund. Der hatte mal die beschwerliche Reise nach Mekka auf sich genommen und durfte sich fortan Hadschi nennen. Eine Art Titel. Karl May und
sein Freund Hadschi verstanden sich gut und an Diskussionen zwischen den Beiden über kulturelle Werte, Jihad und Terrorismus kann ich mich nicht erinnern. Auch von den 72 Jungfrauen habe ich zu dem Zeitpunkt nichts gehört, obwohl mir das als Pubertierendem gewiss gut gefallen hätte. Alle Stories waren nur abenteuerlich und romantisch, auch
gefährlich, aber von einer anderen Gefährlichkeit als die Wirklichkeit heute.
43 Jahre später hört man von der Hadsch als einem Massenwahn, meistens verbunden mit Nachrichten über schreckliche Unfälle und menschliche Stampeden die hunderte von Menschenleben kosten. Klar ist: In früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten konnten sich nur ganz wenige wohlhabende Moslems die Fahrt nach Mekka leisten. Erst unsere Zeit hat auch
eine Art religiösen Massentourismus hervorgebracht. Nun also fliegen die Gläubigen mit Jumbos zu Hunderttausenden nach Mekka. Statt einer gefährlichen Karawane aus den arabischen Nachbarländern über Dünen und durch Wadis nun eine Luftkarawane aus Ländern die teilweise weit weg und jenseits der Meere liegen. Es ist sicherlich eine logistische
Aufgabe diese Menschenmassen „auszuladen“, zum Berg Arafat zu leiten, anschließend für Verpflegung, Übernachtung und sanitäre Einrichtungen zu sorgen. Meine Vorstellungen von Individualismus und Abstand, von körperlicher Frische, Hygiene und Trinkwasser will ich vorübergehnd begraben. Man stelle sich vor 2,5 Millionen Menschen schieben und
drängen sich vom Berge nach Mena um dort kleine Steine gegen eine Säule zu schmeißen die den Teufel symbolisiert. Doch der macht sich nichts draus und ist jedes Jahr wieder da.
Nun sind sie wieder da die Millionen. In der Zeit der Superlative mutet auch die Zahl der Sicherheitskräfte gigantisch an: 60 000 lenken und leiten die Herde in die richtige Richtung und können doch schlimmes nicht verhindern. So trampelten sich gestern wieder 345 Gläubige gegenseitig tot. Vielleicht waren es auch viel mehr, wer will das
genau wissen? Was ist da ein Einzelschicksal? Mein Vater, Arzt und Humanist und immer bemüht Leiden zu lindern und Menschenleben zu retten, dafür auch hoch dekoriert, hätte trotzdem gesagt: „Selber schuld!“ und hinzugefügt. „wer geht zu einem solchen Wahnsinn auch hin?“
Womit wir beim Problem wären. Es ist für mich, und vielleicht nicht nur für mich, einfach unverständlich wie man sich im Jahre 2006 einem solchen (Aber-)Glauben hingeben kann. Eine Säule soll ein Teufel sein? Man kann ihn mit Steinen bewerfen, dann rasiert man sich und ist von allen Sünden befreit? Was für ein Schwachsinn. Sie telefonieren
mit Handys, schauen TV, fliegen in Flugzeugen und glauben an den Teufel. Natürlich hatten WIR, also wir Abendländer, das auch, den Ablasshandel, wo man Zettel kaufen konnte um sich von den Sünden zu befreien. Und wenn ich, was ich gerne tue, in katholische Kirchen oder Dome gehe und diese kleinen „Holzkäfige“ sehe, wo Katholiken einem
Priester ihre Sünden beichten, bin ich ebenfalls fassungslos. Auch das in einer Oblate der Leib Christi stecken soll erschließt sich mir nicht. So werde ich es nie verstehen und wenn es „einfache“ Menschen sind die sich diesen Ritualen ergeben, ertrage ich es mit religiöser Toleranz. Bei intelligenten Menschen fällt es mir schon wesentlich
schwerer zu akzeptieren, daß sie sich freiwillig Dogmen und Regeln unterwerfen. Außerdem bleibt mir unverständlich warum wir uns im Glauben erheben über den Aberglauben. Wo ist der Unterschied zwischen einem brasilianischen Indio der Fische opfert und Rinde isst um den Göttern zu huldigen, sie Milde zu stimmen und den großen Religionen, die
Wasser in ein Becken gießen oder Rotwein in Kelchen reichen oder eben Steine auf Säulen schmeißen?
Das was uns, sofern wir nicht die religiösen Verzückung der Bibel-Belt Bewohner teilen, heute fremd ist und unangenehm aufstößt, ist das Massenspektakel das unsere individualisierte Gesellschaft außer bei Kirchentagen, Fußballspielen oder Popveranstaltungen kaum noch ertragen kann. Das Bad in der Menge ist out – aber eben, besonders bei
jungen Menschen nicht ganz.
Mir jedenfalls kommen sowohl die westliche, relativ geordnete und nur gelegentlich auftretende Vermassung, wie auch der religiös fanatisierte nahöstliche Wahn unheimlich vor. Sind die alle irre? Sie sind’s, keine Frage. Es bleibt die nicht gerade beruhigende Erkenntnis, dass die Welt eben dauerhaft und in hohem Grade mit Irren bevölkert ist.
Das Risiko in Mekka ist vorhersehbar. Insofern hält sich mein Mitleid für die Opfern in Grenzen. Spiegel: Pilgerfahrt in den Tod
Stern: Blutiger Höhepunkt der Hadsch
BBC-News: Diary of the Hajj |
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