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Denkt Euch ich habe die Kirche verlassen
Als Libertärer tut
man sich schwer mit dem Glauben. In meinem Fall ist das unmöglich. Es verträgt sich nicht mit meinen libertären Auffassungen von Freiheit. Nicht mit einem Leben, weitgehend unbeeinflusst von Ideologien und Dogmen. Das "Auseinandernehmen“ ja Zerpflücken all dessen woran andere Menschen glauben ist mir zweite Natur. Die Aufforderung „Glaub“ kommt bei
mir nicht an. Ich will wissen warum! Also bin ich, der ich getauft, protestantisch erzogen, konfirmiert wurde, dem, dem Protestantismus innewohnenden, Protest treu geblieben und habe die Kirche verlassen. Vor Jahren schon. Das hatte auch politische Gründe, denn eine Kirche die sich einmischt, die versucht ihre Normen und Vorstellungen in die
Gesellschaft zu drücken, via Staat auf den Einzelnen zurückzuspiegeln, ist mir suspekt. Wenn einer meint die Kirche zu brauchen, als Stütze und Transmitter seiner Gespräche zu Gott – bitte sehr. Aber aus der Politik hat sich m.E. die Kirche heraus zu halten. Und wenn „meine“ Kirche auch noch relativ angenehm und erträglich ist und andere
Glaubensgemeinschaften mich viel mehr „nerven“ in ihrem Absolutheits- und Wahrheitsanspruch, muss ich, schon aus Gerechtigkeitsgründen konsequent sein. Andere Mitmenschen in ihrer Kirchenzugehörigkeit und ihrer Bindung an ihren Glauben zu kritisieren und dann selbst in der Kirche bleiben ist natürlich nicht.
Dennoch, einmal im Jahr gehen wir in die Kirche, zu Weihnachten, der Kinder wegen. Nicht nur wegen der
Kinder – auch die Feierlichkeit, die Ruhe, die Besinnung ist wohltuend. Wir singen natürlich auch im Hause alle Weihnachtslieder, wir sprechen über Jesus. Jesus war, und das versuchen wir den Kindern zu vermitteln, eine aufrechte Gestalt, eine mitmenschliche historische Figur, ein Vorbild. Man kann Jesus bewundern und man kann ihm
nacheifern. Jesus war gegen die Obrigkeit, also war er ein Libertärer, er war in heutigem Sinne ein Revoluzzer, unangepasst, individualistisch, nonkonformistisch. Er half direkt und unmittelbar – ohne die Krücken eines Wohlfahrtsstaates, ohne sozialistische Umverteilungsansprüche. Seine Hilfe war nicht entpersönlicht, sie war im Sinne
des Wortes edel. Jesus war eine Person seiner Zeit, sein Schatten, bei ihm sagen wir besser Licht, leuchtet zweitausend Jahre. Jesus hat uns Respekt gelehrt, gelehrt Frauen zu achten, mitmenschlich zu sein. Seine Religion, seine Versprechen waren ein Angebot. In Zeiten wo die Werte, die Jesus lebte, unter der Rigidität einer Religion der
Intoleranz bedroht sind und eine andere zeitgeschichtliche Person, namens Mohammed, mit weniger toleranten und nachahmenswerten Eigenschaften unsere Freiheit einschränken will, ist es sicher Wert auf Jesus als Vorbild zu verweisen.
Wir feiern ein christliches Weihnachtsfest, ein Fest der Liebe, ohne zu glauben. Es wird gebacken, der Baum geschmückt, gesungen, gelesen, geschenkt und einmal in die Kirche
gegangen. Das alles mag inkonsequent sein. Aber wem sind wir Rechenschaft schuldig? Also, los
Kinder, legt die Backrolle weg und sagt es auf, das schöne Weihnachtsgedicht: Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen*
Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen!
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,
mit rotgefrorenem Näschen.
Die kleinen Händchen taten ihm weh,
denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
schleppte und polterte hinter ihm her.
Was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihre Naseweise, ihr Schelmenpack -
denkt ihr, er wäre offen der Sack?
Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiss etwas Schönes drin!
Es roch so nach Äpfeln und Nüssen! *Anna Ritter (1865-1921)
Photo © 2005 rebellog/Luigi Pepperoni |
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