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Robin Renitent,  03. April 2005

   

 

We seem to have overcome

Soviet fascism, though the heirs

of Nazi-fascism live; but the biggest threat

to freedom lies

in Islamic fascism.

 

  Freedom is not

self-evident. 

 

We are at war – and we have to defend ourselves. 

 For the sake of

our children.

 

   
  Zum 8. Mai

von Prof. Michael Wolffsohn


Über den 8. Mai ist schon alles gesagt, doch nicht von jedem. Nun also ich? Soll ich die gleichen Worthülsen wiederholen, die fast jeder produziert und damit auch einen Großteil der Gutwilligen abgestumpft hat? Noch einmal „Nie wieder!“ sagen und andere Stichworte hierzu abhaken, die Kalenderpflicht erfüllend?

Gut gemeint ist, wie so oft, das Gegenteil von gut: Kaum zu ertragen ist das phrasenüberflutete deutsche Erinnerungsritual. Die Reden und Redner, sind austauschbar, sie wiederholen längst Bekanntes. Wer es nicht kennt, will es nicht kennen und so erst recht nicht. Wer hört und schaut noch hin, wer liest es, wer wendet sich nicht zumindest innerlich ab, weil der Erinnerung der Erinnernden meist Innerlichkeit fehlt.

Die bereits damals erwachsenen Zeitzeugen von Weltkrieg und Holocaust sterben allmählich aus. Manche behaupten, das erschwere und gefährde das Erinnern und Gedenken. Mitnichten. Abendländisches Erinnern, genauer: dessen christlich-jüdischer Kern hat sich von Zeitzeugen erfolgreich verselbständigt. Vor mehr als 3.000 Jahren flohen die Kinder Israels aus der Sklaverei in Ägypten, und Juden gedenken dessen bis heute ungebrochen, ununterbrochen. Jesus wurde vor 2.000 Jahren gekreuzigt, und Christen gedenken dessen bis heute ungebrochen, ununterbrochen. Das Geheimnis des Erinnerungserfolgs heißt Liturgie. Diese Liturgie wurde in Jahrtausenden entwickelt, in Form und Inhalt. Sie ist uralt und zugleich jung. Wie jung, das zeigte kürzlich die katholische Kirche beim Tod des vorigen und der Amtseinführung des neuen Papstes. Jene Liturgie besteht aus perfekter Inszenierung und hat eine feste, tiefe Substanz, die in Jahrtausenden selbst weniger geistreichen und seelenvollen Geistlichen widerstand. Sechzig Jahre nach dem 8. Mai 1945 ist es höchste Zeit, dass die weltliche Politik und verweltliche Gesellschaft Deutschlands sich auf ihre religiös christlich-jüdischen (inzwischen auch islamischen) Wurzeln besinnt und beginnt, eine „weltliche Religion des Erinnerns“ zu kanonisieren.

Nur als Historiker und Privatperson kann ich den 8. Mai 1945 kommentieren, denn ich bin im Mai 1947 in Tel-Aviv geboren. Als Jude, zumal als Sohn und Enkel von Holocaustüberlebenden, ist der 8. Mai 1945 für mich natürlich ein Tag der Befreiung, ohne Wenn und Aber. Die Welt wurde von Hitler und den anderen Naziverbrechern befreit.

Diese Befreiung ist vor allem den USA zu verdanken. Dafür bin ich den USA ewig dankbar.

Für die Ostdeutschen war der 8. Mai keine Befreiung. Sie tauschten bis 1989 unfreiwillig die braune gegen die rote Unfreiheit. Ich kann allein darüber diskutieren, ob und weshalb die neue Unfreiheit erträglicher als die alte war.

Wie und weshalb hätten sich die Ostdeutschen befreit fühlen können - oder gar die 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen, die Vergewaltigten und unschuldig Verfolgten?

Aus der heutigen Sicht war der 8. Mai für die Westdeutschen ein Tag der Befreiung. Es war für das deutsche West-Volk die einmalige Gelegenheit einer „zweiten Chance“. Damals konnten dies die Befreiten aber nicht wissen, und deshalb fühlten sie sich damals nicht befreit, sondern besiegt.

Hitlers Deutschland hatte den Krieg ausgelöst. Trotzdem gab es viele Deutsche, die unschuldig litten, starben, fielen.


Immer muss unterschieden werden zwischen der Makro- und Mikroebene, also der politisch-staatlichen und der individuell-familiären Ebene. Politisch-staatlich, auf der Makroebene, waren Deutschland und Deutsche schuldig. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Deutsche, „die“ Deutschen“, schuldig wurden. Gerade als Historiker kennt man die zahlreichen Gerechten Deutschen im NS-Unrechtsstaat. Doch diese Gerechten waren nicht in der Lage, das verbrecherische Massenmorden zu verhindern.

„Wehe den Besiegten!“ Das war die historische Grundregel. Die Westmächte, besonders die USA, haben aber – eine sensationelle Neuerung der Weltgeschichte - den Besiegten Freundschaft geboten, beim Aufbau geholfen, die neue Freiheit gesichert und die Wiedervereinigung ermöglicht. Der 8. Mai 1945 war nicht Deutschlands Ende, sondern Beginn einer neudeutschen Blüte. Den USA sei Dank: CARE-Pakte, Rettung der in der Blockade umzingelten und tödlich bedrohten West-Berliner, Aufnahme in die NATO, Schutz vor kommunistischer Eroberung und Diktatur, Wahrung der Verbindung Bundesrepublik - Berlin vor und nach der Mauer und – es sei absichtlich wiederholt – Förderung (nicht nur Hinnahme) der Wiedervereinigung.

60 Jahre „danach“ ist es ein von der Bundesregierung inszenierter Volkssport, „die Amerikaner“ zu kritisieren und zu attackieren, gegen sie zu polemisieren und zu intrigieren. am und zum 8. Mai rufe ich unseren Landsleuten und besonders der Bundesregierung zu: „Haltet ein!“ Ich frage: „Schämt ihr euch nicht?“ Wer von „deutscher Scham“ angesichts der NS-Diktatur spricht, sollte sich schämen, die Befreier so klischeehaft und undifferenziert zu behandeln? Denkmuster wie „damals“, denen jedes Denken fehlt und in denen alles nahezu feindliches Einheitsmuster ist.

Als freiwilliger, jüdischer Rückkehrer nach Deutschland - ich kam 1954 als Kind und 1970 als Erwachsener – habe ich dem neuen, von den USA (und nicht selbst) befreiten Deutschland ideell und materiell fast alles gegeben, was ich hatte und habe. Warum? Weil dieses Deutschland eine feste politische und ethische Brücke zu den USA und der jüdischen Welt gebaut zu haben schien. Trog der Schein?

Ich schäme mich nicht nur für den heutigen Antiamerikanismus, den es, freilich anders, auch „damals“ gab. Der heutige Antiamerikanismus, gerichtet gegen die Befreier von damals, empört mich. Mehr noch: er entfremdet mich dem heutigen Deutschland, das ich jahrzehntelang nach innen und außen verteidigte, weil es neu und vor allem proamerikanisch schien.

Heute sind die alten „Denk“muster wieder (immer noch?) da: Zum „Boykott“ von Firmen wird aufgerufen. Das soll mich als Historiker und Jude nicht an den 1. April 1933 erinnern? „Kauft nicht bei Juden!“ hieß es damals, und auch „damals“ war es angeblich nur „zum Wohle des Volkes“ und des „einfachen Mannes“ gegen das „gierige Kapital“, das man damals „jüdisches Kapital“ nannte.

Man reibt sich die Augen und will es nicht glauben: In der größten Regierungspartei des heutigen Deutschland kursiere eine schwarze Liste von vermeintlich hyperkapitalistischen Unternehmen. Mindestens zwei sind „jüdisch“ bzw. tragen jüdische Namen. Das wird, anders als „damals“, natürlich nicht offen erwähnt, doch wer´s weiß, der weiß.

60 Jahre „danach“ werden heute wieder Menschen mit Tieren gleichgesetzt, die – das schwingt unausgesprochen mit – als „Plage“ vernichtet, „ausgerottet“ werden müssen. Heute nennt man diese „Plage“ „Heuschrecken“, damals „Ratten“ oder Judenschweine“. Worte aus dem Wörterbuch des Unmenschen, weil Menschen das Menschsein abgesprochen wird.

Der Auf- und Vormarsch der Rechtsextremisten und Rechtsterroristen bedroht nicht nur uns Juden, er bedroht „die“ Deutschen und die ihnen seit 1945 bzw. 1990 geschenkte Freiheit.

Das ist heute nicht die einzige Gefahr. Denn wo und wenn „60 Jahre danach“ der deutsche Volkszorn offen oder verdeckt gegen „die“ USA, „die“ Kapitalisten und gegen als Tierplage bezeichnete Menschen aufgeheizt wird, fühle ich mich als Bürger nicht mehr sicher.

Zum und am 8. Mai rufe ich meinen deutschen Landsleuten und ihren Stichwortgebern zu: „Haltet ein und kehrt um: Zurück zu den Wurzeln der Befreiung vom 8. Mai 1945!“

 

 
   

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