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Wir Deutschen sind mißtrauisch gegenüber der Freiheit weil wir immer noch nicht gelernt haben mit ihr umzugehen. Hier ein sehr
lesenswerter Artikel von Mathias Döpfner in der WELT vom 8. Mai.
http://www.wams.de/data/2005/05/08/715890.html
Wirklich befreien müssen wir uns selbst
Mathias Döpfner fordert die Deutschen auf, sich vom Nazi-Trauma zu lösen und ihr Mißtrauen gegenüber der Freiheit aufzugeben
von Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG
Das Ende des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts ist 60 Jahre entfernt. Losgeworden sind wir die Schande nicht, erklären können wir sie nie. Was bleibt, ist der Minimalkonsens des "Nie wieder!". Mit Hitler haben sich die Deutschen das Rückgrat gebrochen. Und sie gehen immer noch krumm. Deutschland ist heute die pazifistischste, harmloseste,
europäischste, uneigennützigste Nation in Europa. Während Frankreich einen Minderwertigkeitskomplex pflegte, laborierte Deutschland lange an einem Überlegenheitskomplex und gab vorsichtshalber die europäische Unschuld vom Lande, bis die Deutschen merkten, daß sie längst nicht mehr überlegen sind. Nach Gernegroß kam Gerneklein, auch in der
Außenpolitik. Deutsche Interessen? Haben wir nicht. Aber wer nicht "Ich" sagt, kann auch nicht "Wir" sagen.
Hinzu kommt: Die Eigenschaften und Zielsetzungen erfolgreicher Wachstumsnationen sind im deutschen Unterbewußtsein größtenteils immer noch durch Nazi-Assoziationen diskreditiert. Technologie - neben dem Stolz auf Ingenieurshöchstleistungen schwingt latent die Erinnerung an Hitlers Rüstungswahn mit. Elite - statt der selbstverständlichen Förderung
von Leistungs- und Verantwortungseliten denkt man auch an die Elitekader der Napola-Schulen. Wissenschaft - statt der Sehnsucht nach Spitzenforschung sitzt vielen die Erinnerung an Menschenversuche und Euthanasie im Nacken. Führung - statt der Bewunderung charismatischer Gestalter herrscht die unterbewußte Angst vor dem Führer. Von Eigenschaften
wie Fleiß, Genauigkeit oder Disziplin ganz zu schweigen - sie gelten als preußische Sekundärtugenden, die das Dritte Reich erst möglich gemacht haben.
Im Vergleich mit Wachstumsregionen ist ein dermaßen gebrochenes Leistungsethos ein dramatischer Wettbewerbsnachteil. In einer Mischung aus rechtem Revisionismus und der Ideologie des linken Marsches durch die Institutionen werden die falschen Schlußfolgerungen aus der Misere gezogen. Antikapitalismus, Antiamerikanismus und Antisemitismus waren und
sind Verwandte im Geiste. Und sie sind in Abstufungen wieder gesellschaftsfähig.
"Nie wieder Krieg" ist die Summe dessen, was wir aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt haben. Noch wichtiger aber wäre die Lektion "Nie wieder Fanatismus", "Nie wieder Rassismus", "Nie wieder Diktatur". Die deutsche Toleranz gegenüber dem aggressiven Antisemitismus in weiten Teilen des Nahen Ostens ist vor diesem Hintergrund erstaunlich, denn Israel
und die Sicherheit seiner Bürger zu unterstützen müßte eine Selbstverständlichkeit sein. Die Sympathie für den Antiamerikanismus vor und seit dem Irak-Krieg ist bemerkenswert, denn Freundschaft zu den Amerikanern, denen wir Aufbau und Unabhängigkeit Deutschlands nach 1945 und die Wiedervereinigung 1990 verdanken, wäre ein Gebot des Anstands. Am
meisten aber irritiert die tiefsitzende Skepsis der Deutschen gegenüber dem freien Markt, dem Kapitalismus.
In dem Film "Speer und Er" sieht man eine Szene in einem Bierkeller, in der Hitler seine von Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit geplagten Zuhörer mit einer zentralen These begeistert: "Der Materialismus muß naturnotwendig vom Idealismus überwunden werden." Mit diesem schönen Versprechen fing es an. Seine Faszinationskraft wirkt noch heute.
Die politischen Ränder profitieren davon. Nationalstolz kippt in Nationalismus, wenn aus Patriotismus Fremdenfeindlichkeit wird, und soziale Verantwortung kippt in Sozialismus, wenn aus der Sehnsucht nach Gerechtigkeit Gleichheitswahn wird. Ob der nationale Sozialismus dann schwarz oder rot lackiert wird, ist nur noch eine Frage des Designs. Die
Grundlage ist das Mißtrauen gegenüber der Freiheit.
Der 8. Mai war der Tag der Niederlage Deutschlands, die viele als Befreiung durch die Alliierten empfanden. Aber eine echte Befreiung war es nicht. Wirklich befreien müssen wir uns selbst. Die Bewährungsprobe liegt noch vor uns.
Artikel erschienen am 8. Mai 2005 |
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